Stellen Sie sich vor, es gäbe auf der ganzen Welt noch keine Schrift und Sie hätten die Aufgabe eine Schrift zu entwickeln, die die menschlichen Sprachlaute hinreichend durch grafische Zeichen kodiert, die aber auch hinreichend übersichtlich und so einfach ist, dass jeder sie leicht erlernen und mit ihr umgehen kann.
Wie würden Sie vorgehen?
Richtig!
Sie beginnen mit einer Bestandsaufnahme der menschlichen Sprachlaute.
Das ist keine leichte Aufgabe, denn viele Laute gehen ineinander über,
werden von den Nachbarlauten in einem Wort beeinflusst, es gibt
Doppellaute, stimmlose und stimmhafte Laute. Die Aussprachevariation
ist groß....
Eigentlich bräuchte man wohl eine riesige Anzahl
von Zeichen um all das widerzugeben. Ein solches Alphabet ist natürlich
nicht für den täglichen Gebrauch geeignet.
Daher wird es Ihr
erstes Ziel sein, die Sprachlaute in einem möglichst einfachen System
aufzulisten und ihre Anzahl auf das unbedingt notwendige Maß zu
beschränken. Sie fassen die Sprachlaute in Lautfamilien zusammen,
unterscheiden zwischen stimmhaften und stimmlosen Lauten und - last
not least - verzeichnen für jeden Laut die Sprachorgane, die an seiner
Bildung beteiligt sind.
Nachdem Sie sich so einen Überblick
verschafft haben, können Sie nun darangehen, sich zu überlegen, wie Sie
in dem System von Zeichen, dass Sie nun den Lauten zuweisen wollen, die
Charakteristika der Laute widerspiegeln können, z.B. sollen die Zeichen
für alle stimmhaften Konsonanten ein charakteristisches Merkmal
erhalten, die Zeichen für die stimmlosen Konsonanten ein anderes usw.
Ebenso können Sie verfahren mit den Bildungsorganen (z.B.
Lippe-Schneidezähne) und mit der Bildungsart (z.B. Rauschlaut oder
Vibrationslaut).
Wenn Ihnen das gelungen ist, können Sie jedem
Zeichen sofort ansehen, wie der zugeordnete Laut gebildet wird und
welche Sprachorgane beteiligt sind. Jedes Zeichen enthält dann ein
Maximum an Information über den kodierten Laut.
Keine
der vielen Schriften auf dieser Welt leistet das. Noch viel schlimmer:
Häufig wird ein Zeichen unterschiedlich ausgesprochen, je nach dem, in
welchem Wort es gerade steht (besonders in der englischen Sprache).
Vielen Lauten ist gar kein Zeichen zugeordnet; ein solcher Laut wird
dann hilfsweise durch Kombination anderer Zeichen dargestellt
(z.B.“sch“). Viele Zeichen sind überflüssig, weil der betreffende Laut
bereits durch ein anderes Zeichen kodiert ist.
Es gibt keine
konsequent phonetische Schrift. Das „Internationale Phonetische
Alphabet“ (IPA), das in den meisten Sprachlexika verwendet wird, weist
eine Reihe gravierender Mängel auf. In dem Bemühen, möglichst viele
Aussprachevarianten zu berücksichtigen, enthält es eine sehr große
Anzahl von Zeichen und ist daher schon wegen seines Umfangs mehr für
Sprachwissenschaftler geeignet als für den Einsatz im täglichen Leben.
Die Zeichen sind in Anlehnung an des lateinische Alphabet gewählt,
spiegeln die Lautverwandtschaft nicht wider und enthalten keinerlei
Information über den Laut - man muss sie einfach auswendig lernen.
Irgendwann,
wahrscheinlich recht bald, wird sich ein Alphabet für den globalen
Austausch von Informationen in Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft
durchsetzen. Es zeichnet sich ab, dass dies das lateinische Alphabet
sein wird. Das wäre sehr bedauerlich, denn dann würden Milliarden
Menschen viel Mühe darauf verwenden, ein miserables Schriftsystem zu
lernen, das wegen seiner Unzulänglichkeiten doch irgendwann revidiert
werden müsste.
Sollte man da nicht gleich ein auf rationaler
Basis entwickeltes Schriftsystem vorziehen, das neben der herkömmlichen
Schrift einfach zu erlernen ist und im internationalen Schriftverkehr
verwendet wird?
Es könnte eine Brücke zwischen den Kulturen darstellen.